Das Nichtstun, das Nichtreden, das Nicht-Verantwortlich-Fühlen, das ist die Schuld!

19. Oktober 1945. Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft und der Nullpunktsituation des Kriegsendes wurde als Neuanfang bei den deutschen Protestanten der Zusammenschluß der "Evangelischen Kirche in Deutschland" beschlossen. Die Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945 suchte ungelöste Fragen der unmittelbaren Vergangenheit anzusprechen und den Zugang zur weltweiten Ökumene zu öffnen.

Diese Schulderklärung hat nicht nur für Deutschland sondern für ganz Europa den Weg geebnet. Leider fehlen für Österreich solche grundsätzliche Erklärungen und Umkehrungen fast ausnahmslos. Auch ein Grund dafür, dass man sich bis in die heutigen Tage mit Brandstiftern und Wiederbetätigern beschäftigen muss. Und wie könnte besser vor unserer Mitschuld an der augenblicklichen politischen Situation, an der hasserfüllten pogromartigen Politik und Rhetorik gegenüber Ausländern, Zuwanderern und Asylwerbern als mit den Worten Pastor Niemöllers gewarnt werden: Das Nichtstun, das Nichtreden, das Nicht-Verantwortlich-Fühlen, das ist die Schuld!

Die Stimme des Gewissens. Der Abend des 17. Oktober 1945 in Stuttgart erlangte eine besondere Bedeutung bis in die heutigen Tage. Der Ende 1945 gebildete Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ein Gremium von zwölf einflußreichen Kirchenführern und Laien, war zu seiner ersten ordentlichen Sitzung nach Stuttgart einberufen worden.

Pastor Niemöller war erst gegen 18.30 Uhr in Stuttgart eingetroffen. Bei seiner Ankunft wurde ihm mitgeteilt, dass er in der Markuskirche sprechen solle. Die aus dem Stegreif gehaltene Predigt Niemöllers brachte Herz und Gewissen der großen Hörerschaft in Bewegung. Sie wirkte so tief, dass am Tage darauf in der Mitte des Rates der EKD das Stuttgarter Schuldbekenntnis entstehen konnte.

In diesem Abendgottesdienst am 17. Oktober 1945 in der Markuskirche trafen zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Vertretern der Kirchen der Ökumene zusammen. Diese Begegnung war deutscherseits weder geplant noch vorbereitet gewesen. Der Anstoß kam von der Ökumene. Dass deren Schritt nun aber sogleich zu einem deutlichen Wort der Umkehr, zum Stuttgarter Schuldbekenntnis, führte - dies war eine Frucht jenes Abends.

Nicht nur kirchengeschichtlich gesehen war das eine große Stunde, sie ist eine Stunde des neuen Europa. Der Leiter der (nichtdeutschen) ökumenischen Delegation, Dr. Willem A. Visser't Hooft schreibt in seiner Biographie:

”Wie sollten wir die Wiederaufnahme voller ökumenischer Beziehungen erreichen? Die Hindernisse für eine neue Gemeinschaft ließen sich nur beseitigen, wenn die deutsche Seite ein klares Wort fand. Pierre Maury riet uns schließlich, den Deutschen zu sagen: 'Wir sind gekommen, um Euch zu bitten, dass Ihr uns helft, Euch zu helfen.' Als wir in dem großenteils zerstörten Stuttgart ankamen, hörten wir, dass am Abend in der Markuskirche ein besonderer Gottesdienst stattfinden würde, bei dem Bischof Wurm, Pastor Niemöller und Bischof Dibelius sprechen sollten. Niemöller predigte über Jeremia 14, 7-11: 'Ach Herr, unsere Missetaten haben es ja verdient; aber hilf doch um deines Namens willen!' Es war eine machtvolle Predigt. Niemöller sagte, es genüge nicht, den Nazis die Schuld zu geben, auch die Kirche müsse ihre Schuld bekennen.”

Wie tief jene Abendpredigt Pastor Niemöllers wirkte, geht auch aus einem Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 20. Oktober 1945 hervor. Darin heißt es unter anderem:

”Das Nichtstun, das Nichtreden, das Nicht-Verantwortlich-Fühlen, das ist die Schuld des Christentums.”
Stuttgarter Schuldbekenntnis. Als Frucht dieses Abendgottesdienstes entstand das Stuttgarter Schuldbekenntnis, das am Vormittag des 19.Oktober 1945 vor den Vertretern der Ökumene abgelegt und ihnen übergeben wurde.

Die Behauptung, das Stuttgarter Schuldbekenntnis sei in der Markuskirche "vor den Augen und Ohren der Gemeinde" übergeben worden, ist eine Legende. Das Dokument war ursprünglich nicht für eine breite Öffentlichkeit gedacht, sondern ein Schuldeingeständnis vor den (ausländischen) Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen. Doch bald gab es große Resonanz auf die Stuttgarter Erklärung.


Stuttgarter Schulderklärung vom 19. Oktober 1945

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18. und 19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Wir sind für diesen Besuch um so dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass Er unsere Kirchen als Sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, Sein Wort zu verkündigen und Seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk.

Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude.

Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen' dem Geist der Macht und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator spiritus!

Stuttgart, den 19. Oktober 1945

Landesbischof D. Wurm
Pastor Niemöller D. D.
Landesbischof D. Meiser
Landesoberkirchenrat Dr.Lilje
Bischof D. Dr. Dibelius
Superintendent Held
Superintendent Hahn
Pastor Lic. Niesel
Dr. Dr. Heinemann

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